GOTTESDIENST FÜR HEILIGABEND

Wenschtkirche, 24.12. 2008
Pfr. Dr. Martin Klein
Text: Lk 2,1-20

„Es begab sich aber zu der Zeit“ – schon bei diesen ersten Worten haben alle sie im Ohr: die berühmte Weihnachtsgeschichte nach Lukas in der vertrauten Übersetzung Martin Luthers. Denn es ist ja nicht wahr, dass diese Geschichte keiner mehr kennt. Im Gegenteil: Umfragen bestätigen, dass sie bei weitem das bekannteste Stück Bibel, ja das bekannteste Stück Literatur überhaupt ist. Und für sehr viele Menschen gehört sie – Tannenbaum hin, Geschenke her – immer noch zum Kernbestand des Weihnachtsfestes, gesprochen, gesungen oder nachgespielt.

Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass der Geschichte ihre Bekanntheit nicht gut tut. Nicht nur, dass sie in unseren Köpfen mit mancherlei Zutaten befrachtet ist, die sich erst ihrer umfangreichen Wirkungsgeschichte verdanken: Ochse und Esel zum Beispiel. Oder der berühmte Gastwirt von Bethlehem, den jedes Kind aus dem Krippenspiel kennt, von dem aber kein Wort in der Bibel steht. Nein, auch der Kern des Ganzen, auch die Botschaft des Engels hat sich durch tausendfaches Hören längst abgenutzt. „Euch ist heute der Heiland geboren“, das war einmal die aufregendste, verrückteste, fröhlichste und befreiendste Botschaft aller Zeiten. Heute entlockt sie uns bestenfalls noch ein sachtes Gefühl der Rührung, das schneller verfliegt, als die Nadeln vom Tannenbaum fallen.

Deshalb wünschte ich mir, wir könnten diese Botschaft heute zum ersten Mal hören. So wie die Hirten. Oder wenigstens wie die ersten Leser des Lukasevangeliums. Ich wünschte, die Weihnachtsgeschichte könnte uns noch mal fremd und neu sein, damit sie uns wieder wirklich bewegt und in unser Herz dringt.

Natürlich geht das nicht. Aber wir können wenigstens noch mal hinschauen, was da genau steht, und überlegen, was es für uns bedeutet. Ich lese deshalb für diese Predigt bewusst einmal nicht die Luther-Übersetzung, sondern meine eigene. Die ist nicht so schön und erst recht nicht literarisch wertvoll, aber sie hat den Vorteil, dass wenigstens diese Übersetzung noch keiner kennt:

Es geschah nun in jenen Tagen, dass eine Verordnung vom Kaiser Augustus erlassen wurde, dass alle Bewohner der zivilisierten Welt sich eintragen lassen sollten. Diese erste Volkszählung fand statt, als Quirinius Statthalter von Syrien war. Und alle machten sich auf den Weg, um sich eintragen zu lassen, jeder in seine Heimatstadt. Da zog auch Josef von Galiläa, aus der Stadt Nazareth, hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt, weil er aus dem Haus und der Familie Davids stammte, um sich eintragen zu lassen mit Maria, seiner Verlobten, die schwanger war. Als sie nun dort waren, kam für sie die Zeit des Gebärens. Und sie gebar ihren Sohn, ihren Erstgeborenen, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in einen Futtertrog, weil in der Unterkunft kein Platz für sie war.

Klingt ziemlich trocken und nüchtern, nicht wahr? Aber es ist ja auch leider nichts Besonderes, was hier geschieht. Ein junges Paar gerät in die Mühlen der großen Politik und bringt unter widrigen Umständen sein erstes Kind zur Welt. Das passierte damals nicht zum ersten Mal, und es ist seitdem millionenfach wieder passiert.

Es beginnt mit Kaiser Augustus, zu deutsch: „der Erhabene“. Nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs hat er dem Römischen Reich den ersehnten Frieden gebracht. Deshalb verzeiht man ihm in Rom, dass er dafür massiv über Leichen gegangen ist und sich zum Alleinherrscher aufgeschwungen hat. Dichter und Inschriften preisen ihn in höchsten Tönen, nennen ihn Göttersohn und Heiland, bezeichnen die Nachricht von seiner Geburt als Freudenbotschaft, als „Evangelium“, und lassen mit dieser Geburt eine neue Zeitrechnung beginnen. Es ist kein Zufall, wenn Ihnen das bekannt vorkommt!

Das Reich des Augustus ist – jedenfalls aus damaliger Sicht – ein Weltreich. Um ein solches Reich zu regieren und ruhig zu halten, braucht man viel Geld und viele Soldaten. Beides holt man sich am besten aus den Provinzen, von den unterworfenen Völkern, denn die können sich ja nicht wehren. Und dazu muss man sie erst einmal zählen und registrieren, damit man weiß, wie viel man aus ihnen herausquetschen kann. Einzelschicksale wie das jenes jungen Paares aus Nazareth interessieren dabei nicht.

Ein ungewöhnliches Paar sind die beiden. Ungewöhnlich ist schon, das Josef sich in seinem Heimatort und nicht in seinem Wohnort registrieren lassen muss. Das macht eigentlich wenig Sinn. Aber dieser Heimatort ist eben ein besonderer, so wie Josefs Familie eine besondere ist: Bethlehem, ein kleines Nest, aber die Heimat von König David, dem Stammvater Josefs. Der mag also ein einfacher Handwerker sein, aber er ist von königlichem Geblüt. Seine Familie ist Trägerin einer großen Verheißung: Aus ihr, aus Bethlehem soll der Messias hervorgehen, der neue König aus dem Hause David, der in Israel für Heil und Frieden sorgt – so wie Augustus es von sich behaupten lässt. Die ersten Leser der Geschichte wussten um diese Dinge. Und so steckt für sie hinter den nüchternen Worten ein verborgener Glanz, eine Hoffnung, die aufmerken lässt, wenn die Stichworte „Bethlehem“ und „Haus David“ fallen.

Am allerungewöhnlichsten aber sind die Worte „mit Maria, seiner Verlobten“. Heutzutage, wo jeder mit seinem aktuellen Lebensabschnittspartner tun und lassen kann, was er will, klingt das nicht weiter bemerkenswert. Aber für anständige Juden von damals ist es ein Skandal. Normalerweise bleibt nämlich eine Verlobte, die oft erst zwölf, dreizehn Jahre alt ist, bis zur Hochzeit im Haus ihrer Eltern. Dass ihr Zukünftiger mit ihr auf Reisen geht, gehört sich also nicht. Und dass Maria auch noch hochschwanger ist, das ist der Gipfel. Denn wenn Josef der Vater ist, hat er den Ehevertrag gebrochen. Und wenn nicht, dann ist die Verlobung erst recht null und nichtig.

Wer das Evangelium von Anfang an gelesen hat, weiß natürlich Beschied. Gott hat dieses Kind in Maria erschaffen. Es ist sein Sohn, es ist er selbst, der dabei ist, Mensch zu werden. Weder Josef noch Maria hat sich einen Fehltritt geleistet. Trotzdem bleibt es dabei: Jesus kommt als uneheliches Kind eines Mädchens zur Welt, das wohl nicht älter als fünfzehn ist. Und wenn das manchen frommen Christen heute dazu brächte, mit Abweichungen von seinen Ehe- und Moralvorstellungen barmherziger umzugehen, wäre das durchaus ein erwünschter Nebeneffekt der Weihnachtsbotschaft.

Aber weiter im Text: Das Kind kommt zur Welt, und ein einfacher Futtertrog, wahrscheinlich nicht mehr als eine Kuhle aus Lehm, wird seine „Wiege“. Sonst ist kein Platz in der Unterkunft. Vielleicht ist es ein Unterstand fürs Vieh, irgendwo in einer Aushöhlung des Gebirges. Vielleicht ist es ein einfaches Haus, wo Mensch und Tier unter einem Dach leben. Aber wie auch immer: Bis hierher käme niemand auf die Idee, dass in dem Futtertrog Gottes Sohn, der Heiland der Welt liegt. Doch die Geschichte geht ja noch weiter:

Und in dieser Gegend waren Hirten unter freiem Himmel, die Nachtwache bei ihrer Herde hielten. Und ein Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Herrlichkeit des Herrn umleuchtete sie, und sie wurden von großer Furcht ergriffen. Und der Engel sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Denn siehe, ich verkünde euch eine große Freudennachricht, die dem ganzen Volk gilt: Heute ist für euch in der Stadt Davids der Retter geboren – der Gesalbte, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet einen Säugling finden, der in Windeln gewickelt ist und in einem Futtertrog liegt.“ Und plötzlich war bei dem Engel eine Menge der himmlischen Heerscharen, die Gott lobten und sprachen: „Herrlichkeit in der Höhe gebührt Gott und auf Erden ist Friede bei den Menschen des Wohlgefallens!“

Auch diese Szene beginnt ganz alltäglich: Schaf- und Ziegenhirten, die bei Nacht auf ihre Herde aufpassen. Umherziehende Nomaden vielleicht. Oder arme Tagelöhner, die bei einem reichen Herdenbesitzer angestellt sind. In beiden Fällen gehören sie nicht gerade zu den Spitzen der Gesellschaft. Aber wie Josef, dem man’s auch nicht ansieht, sind die Hirten Erben einer großen Tradition. Abraham, Mose und David waren Hirten. Sie alle hat Gott zu Großem berufen: zum Stammvater seines Volkes, zum Propheten, zum König. Gespannt warten also die Leser, die das wissen, was nun diesen Hirten Besonderes widerfahren wird.

Und da geschieht es schon: Gott schickt einen Boten, und das heißt immer, dass er ins Rad der Geschichte greift und es in eine andere Richtung lenkt. Dieser Engel hat sogar die Wende der Zeit schlechthin zu verkünden: „Heute ist für euch der Retter geboren, der Gesalbte, der Herr.“ Viel sagende, viel versprechende Titel sind das, alle drei.

Retter, Heilbringer, Heiland als Erstes – so hatten sich damals schon viele nennen lassen, nicht nur Augustus. Aber für Israel war klar, dass dieser Titel nur einem zustand: „Ich, ich bin der HERR, und außer mir ist kein Heiland“, so hatte Gott schon bei Jesaja gesprochen. Und beim gleichen Propheten kündigt er einen an, der dieses Heil verwirklichen soll: „Ich habe dich zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.“ Im Hebräischen steht dort für Heil das Wort jeschua’. Und genau so soll das neugeborene Kind heißen: jeschua’, Jesus, denn „er wird das Volk retten von seinen Sünden.“

Gesalbter, Messias, Christus als Zweites – der verheißene König aus dem Haus David. Aber sein Auftrag nicht die Wiederherstellung des Königreichs Israel. Mit ihm bricht vielmehr die Königsherrschaft Gottes über die ganze Welt an.

Und deshalb ist der Retter und Gesalbte auch der Herr, der kyrios, der, dem alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist, und der sie eines Tages sichtbar machen wird.

Damit steckt in der Botschaft des Engels das ganze Glaubensbekenntnis der ältesten Christenheit: ku,rioj v‚Ihsou²/³…j Cristo,j - „Herr ist Jesus Christus“. Nun ist das Heil der Welt keine Zukunftsmusik mehr. In dieser Nacht ist es Wirklichkeit geworden. Die Hirten, auch die ersten Leser, haben dabei vielleicht an Jesaja 9 gedacht: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; auf dass des Friedens kein Ende sei auf dem Thron Davids.“ Entsprechend werden sie sich die Geburt des Messias vorgestellt haben. Aber davon sagt der Engel nichts. Stattdessen heißt es schlicht: „Ihr werdet einen Säugling finden, der in Windeln gewickelt in einem Futtertrog liegt.“

Das passt nicht zusammen. Da muss von zwei völlig verschiedenen Kindern die Rede sein. Der Messias kommt mit Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels, aber doch nicht als schreiender Säugling zwischen Schafs- und Ziegenmist! Hätte nicht unzweifelhaft ein Engel vor ihnen gestanden, hätten die Hirten den Überbringer solcher Botschaft für verrückt erklärt.

Aber gerade das ist es, was die Weihnachtsgeschichte des Lukas sagen will und was sie uns zu glauben zumutet: Gott hat keinen Augustus gesandt, um der Welt das Heil zu bringen, sondern einen einfachen Zimmermannssohn, geboren in einem Stall, im Leben ohne feste Bleibe und gestorben am Galgen, noch im Tod zwischen Himmel und Erde hängend. Nicht die Mächtigen schaffen den wahren „Frieden auf Erden“, sondern das machtlose Kind in der Krippe und der ohnmächtige Mann am Kreuz. Dieses Paradox auszuhalten, das ist Glaube. Was Paulus über das „Wort vom Kreuz“ sagt, gilt genauso für das „Wort von der Krippe“: verrückt für die einen, ärgerlich für die anderen, einziger Trost im Leben und im Sterben für alle, die es für sich wahr sein lassen. Diesen Glauben möchte Gott uns schenken, wie er ihn den Hirten geschenkt hat. Und er möge auch uns in Bewegung setzen wie die Hirten damals:

Und als die Engel wieder von ihnen weg zum Himmel zogen, redeten die Hirten untereinander: „Auf, lasst uns bis nach Bethlehem gehen und nachschauen, was da geschehen ist und was der Herr uns mitgeteilt hat!“ Und sie gingen eilend hin und fanden Maria und Josef und den Säugling im Futtertrog; als sie es aber sahen, erzählten sie von dem, was ihnen der Engel über dieses Kind gesagt hatte. Und alle, die es hörten, waren erstaunt über das, was die Hirten ihnen erzählten. Maria aber behielt alle diese Worte und dachte bei sich selbst darüber nach. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, so wie es zu ihnen gesagt worden war.

Wer also wirklich Weihnachten erlebt hat, der kann nicht ruhig sitzen bleiben, der muss sich aufmachen und mit eigenen Augen sehen, was geschehen ist. Und er kann es auch nicht für sich behalten, sondern muss es allen erzählen, die es hören wollen. Sicher: Spätestens bei Tagesanbruch hat alle Beteiligten der Alltag wieder. Äußerlich hat sich nichts geändert in dieser Nacht: in Rom regiert noch immer der Kaiser Augustus, und in Bethlehem gehen die Hirten ihrer Arbeit nach. Und doch: eine Handvoll Menschen hat begriffen, dass mit dieser Nacht eine neue Zeit beginnt. Noch haben sie nur ein kleines Wickelkind als Zeichen dafür. Aber sie wissen: wenn dieses Kind groß ist, dann wird es der Welt das Heil bringen. Das prägt nun ihr Leben, das behalten sie im Herzen und das sagen sie weiter.

Und wir? Haben wir noch einmal sorgfältig hingehört bei dieser altbekannten Geschichte? Haben wir begriffen, dass der Engel auch uns meint, wenn er „für euch“ sagt? Und können wir ja dazu sagen und darauf vertrauen, dass es wahr ist? Dann kann Weihnachten für uns nicht mehr am 27. Dezember vorbei sein. Dann muss das „Euch ist heute der Heiland geboren“ hinaus aus der festlichen Besinnlichkeit und hinein in unsere ganz und gar nicht besinnliche Alltagwelt. Dann muss es in die Schulen und an die Arbeitsplätze, in die Vereine und die Freundeskreise, in die Parlamente und die Verhandlungsrunden, in die Prominenten- und die Elendsviertel. Sicher, wir haben nicht die Autorität von Engeln. Uns wird mancher für verrückt erklären, wenn wir diese Botschaft verbreiten, oder zumindest gleichgültig abwinken. Und doch können und sollen wir Gottes Boten sein – wie die Hirten. Wo immer das geschieht, da wird Gott in der Höhe geehrt. Und da kehrt ein Stück von dem Frieden ein, von dem die Engel gesungen haben.

Amen.

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