GOTTESDIENST FÜR DEN ZWEITEN WEIHNACHTSTAG

Talkirche, 26.12. 2008
Pfr. Dr. Martin Klein
Text: Joh 1,1-5.9-12c.14.16

Als Prediger befinde ich mich heute in einer gewissen Verlegenheit. Denn über den für heute vorgeschlagenen Text kann man eigentlich gar nicht predigen. Nicht, weil er nichts zu sagen hätte. Im Gegenteil: Es handelt sich um einen der vielsagendsten Bibelabschnitte überhaupt. Man kann hoch gelehrte und tiefgründige theologische Vorträge darüber halten. Man kann sich in diesen Text hineinversenken und darüber meditieren. Und wenn man über die nötige Sprachgewalt verfügt, kann aus solcher Meditation vielleicht auch eine weiterführende Nachdichtung erwachsen. Aber eine schlichte und einfache Predigt, die sowohl dem Text als auch unserem Alltag gerecht wird, das ist bei diesem Text ausgesprochen schwierig. Und im landläufigen Sinne weihnachtlich ist er auch nicht gerade. Trotzdem habe ich es versucht, weil der Text es allemal wert ist, gepredigt zu werden, und das gerade zu Weihnachten. Beurteilen Sie selbst, ob Sie mit dem, was dabei herausgekommen ist, etwas anfangen können!

Es handelt sich um den berühmten Johannes-Prolog: einen urchristlichen Psalm, einen Hymnus, den Johannes an den Anfang seines Evangeliums stellt – sozusagen als Thema und Programm für alles, was dann folgt. Johannes hat den Hymnus, der ihm wohl aus seiner Gemeinde vertraut war, an einigen Stellen kommentiert und ergänzt. Diese Ergänzungen, die sich vom Hymnus selber recht gut abheben, haben zwar auch Wichtiges zu sagen, trotzdem lasse ich sie heute mal beiseite. Erstens bietet der ursprüngliche Hymnus schon Stoff genug und zweitens kommt seine sprachliche Kraft und Schönheit so besser zur Geltung. Ich lese also Joh 1,1-5, 9-12a,14 und 16:

    Im Anfang war das Wort,
    und das Wort war bei Gott,
    und Gott war das Wort.
    Dasselbe war im Anfang bei Gott.
    Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht,
    und ohne dasselbe ist nichts gemacht,
    was gemacht ist.
    In ihm war das Leben,
    und das Leben war das Licht der Menschen.
    Und das Licht scheint in der Finsternis,
    und die Finsternis hat’s nicht überwältigt.
    Das war das wahre Licht,
    das alle Menschen erleuchtet,
    die in diese Welt kommen.
    Er war in der Welt,
    und die Welt ist durch ihn gemacht;
    aber die Welt erkannte ihn nicht.
    Er kam in sein Eigentum;
    und die Seinen nahmen ihn nicht auf.
    Wie viele ihn aber aufnahmen,
    denen gab er Macht,
    Gottes Kinder zu werden.
    Und das Wort ward Fleisch
    und wohnte unter uns,
    und wir sahen seine Herrlichkeit,
    eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater,
    voller Gnade und Wahrheit.
    Und von seiner Fülle
    haben wir alle genommen
    Gnade um Gnade.

Im Anfang war … Ja, was war im Anfang? Was ist der Ursprung aller Dinge? Mit dieser Frage begann im alten Griechenland die Geschichtet der Philosophie: Erkenne und erforsche, was im Anfang war, und du weißt, was die Welt im Innersten zusammenhält, kennst das Grundprinzip allen Lebens. Viele Antworten gab es schon auf diese Frage in den letzten zweieinhalb Jahrtausenden. „Im Anfang war das Wasser“ lautet die älteste Antwort, die uns überliefert ist, die des Thales von Milet. „Im Anfang war der Wasserstoff“, schrieb dann wieder Hoimar von Ditfurth vor einigen Jahren und meinte damit den Urknall. Zwischendurch war man schon mal weiter, meinte erkannt zu haben, dass weder Wasser, Luft noch Feuer der Ursprung sein könne, sondern dass der Anfang außerhalb alles Materiellen liegen müsse. Manche nannten ihn „das Sein“ oder „das Ein und Alles“, andere schlicht und einfach „Gott“.

Auch die Bibel gibt eine Antwort auf die Frage – wir haben sie eben gehört: „Im Anfang war das Wort“, so beginnt das Johannesevangelium und führt damit die allerersten Worte der Bibel weiter: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“. Beides meint das Gleiche, denn Gott erschafft die Welt durch sein wirkmächtiges Wort: „Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht.“ Von daher erübrigt sich der Einwand von Goethes Faust, dass er das Wort so hoch unmöglich schätzen könne und deshalb lieber mit „Im Anfang war die Tat“ übersetze. Denn bei Menschen mögen zwar Worte nichts als Worte sein, aber beim Gott der Bibel ist Wort und Tat ein und dasselbe. „Wenn er spricht, so geschieht’s; wenn er gebietet, so steht’s da.“

Trotzdem hat Faustens Unbehagen seine Berechtigung: Die Übersetzung „Wort“ gibt nicht alles wieder, was in dem griechischen Wort lo,goj steckt. Für gebildete Griechen bezeichnete lo,goj auch die Vernunft. Und die Philosophenschule der Stoiker ging davon aus, dass diese Vernunft das Grundprinzip der Welt ist, dass die Welt also – gegen den Augenschein – einer vernünftigen Ordnung gehorcht. Gebildete Juden wiederum dachten bei dem „Wort“, durch das die Welt entstand und erhalten wird, an die Weisheit Gottes, die sowohl seiner Schöpfung als auch seinem Gesetz, der Thora zugrunde liegt. Es steckt also von vornherein viel drin im Wort „Wort“. Aber hier bei Johannes wird darüber noch mehr und anderes gesagt als über den Logos der Griechen oder die Weisheit der Juden.

Zunächst: Das Wort war nicht nur wie die Weisheit im Anfang schon bei Gott – als eine Kraft, die von ihm ausgeht, als ein Ausfluss seiner Allmacht oder als sein erstes Geschöpf vor aller Zeit. Nein, dieses Wort war – immer schon – selber Gott: eines Wesens mit Gott, dem Schöpfer, ihm gleichgestellt, und doch von ihm unterschieden, „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott von wahrem Gott“. Man hat den Kirchenvätern des vierten, fünften Jahrhunderts oft vorgeworfen, dass sie durch solche Formeln den christlichen Glauben unnötig kompliziert gemacht hätten. Ein Wesen mit drei Personen, eine Person die zugleich wahrer Mensch und wahrer Gott ist – was haben diese Spekulationen zu tun mit dem schlichten Glauben an den Vater im Himmel, den Jesus verkündigt hat? So wird immer wieder gefragt. Aber unser Text zeigt, dass die Kirchenväter gar nicht anders konnten, wenn sie der biblischen Überlieferung treu bleiben wollten. Und er zeigt auch: Wenn man überzeugt ist, dass Jesus Gottes Sohn ist, weil er ihn von den Toten auferweckt hat, dann muss man beim Nachdenken darüber irgendwann „im Anfang“ ankommen: bei Gott selbst vor aller Zeit. Da müssen wir natürlich zwangsläufig mit unseren sprachlichen Möglichkeiten an Grenzen stoßen und können nur noch Sätze formulieren, die nach irdischen Maßstäben unlogisch und rätselhaft sind.

„Das Wort war Gott“ – diese Aussage ist also schon sehr erstaunlich. Aber die erstaunlichste, unvorstellbarste, anstößigste Aussage hebt sich der Hymnus für die letzte Strophe auf: „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.“

Da kann ein Grieche nur noch ratlos gucken und ein Jude fassungslos den Kopf schütteln. „Das Wort wurde Fleisch“? Wie soll das denn gehen? Denn „Fleisch“, das ist das, was uns Menschen an diese Erde bindet: dass wir essen und trinken, schlafen und uns bewegen müssen, dass wir uns fortpflanzen, damit unsere Art überlebt, dass wir krank werden können und verwundbar sind, dass unsere Kräfte früher oder später verfallen, so dass wir sterben müssen. Kurz: Fleisch, das ist der Mensch in seiner Vergänglichkeit und Schwäche. Und ein solcher Mensch ist das Wort, das Gott war, geworden, behauptet der Hymnus. Gott ist uns also nicht nur in menschlicher Hülle erschienen, wie das die Griechen so gern vom Göttervater Zeus erzählten. Gott nimmt sich aber auch nicht nur barmherzig der Schwachheit seines Volkes an, wie Israel es von ihm bekennt. Nein, Gott wird wirklich und wahrhaftig Mensch. Eine junge Frau geht mit ihm schwanger. Sie bringt ihn zur Welt, wickelt ihn in Windeln und legt ihn in eine Krippe. Als der Mensch Jesus verbringt Gott eine ganz normale Kindheit in Nazareth in Galiläa, lernt Bauhandwerker wie sein irdischer Vater, muss essen, trinken, schlafen, feiert fröhlich Hochzeiten und geht traurig auf Beerdigungen, erlebt Krankheit und Müdigkeit, wird schließlich verhaftet, übel misshandelt und grausam hingerichtet. Aber auch, wenn ihm dieses Schicksal erspart geblieben wäre – irgendwann wäre er gestorben, wie wir alle sterben müssen. Wohlgemerkt: nicht nur der Mensch Jesus erlebt das alles, sondern Gott erlebt es genauso. Er schaut nicht nur vom Himmel aus zu, sondern mit Jesus lebt, leidet, stirbt er hier auf Erden. Nur so konnte der Mensch Jesus auch mit Gott auferstehen, nur so können wir an dieser Auferstehung teilhaben. Es gehört also zum Anfang und Ursprung aller Dinge, dass Gottheit und Menschheit sich in Jesus Christus vereinigt haben. Der Mensch gehört zu Gott, und Gott hat eine menschliche Seite, das ist es also, was nach Johannes wie nach dem ganzen Neuen Testament die Welt im Innersten zusammenhält. Kein Philosoph, erst recht kein Naturwissenschaftler, wäre darauf je gekommen. Aber wenn es stimmt, dann hat es gewaltige Folgen bis in unser alltägliches Leben hinein: für meinen Umgang mit mir selbst, mit meinen Mitmenschen, mit der gesamten Schöpfung um mich herum. Das kann ich heute nicht weiter ausführen, aber es lohnt sich, wenn jeder von uns das mal für sich selber durchbuchstabiert.

Doch noch mal einen Schritt zurück: Man muss dem alten Hymnus das alles natürlich nicht abnehmen. Man muss den atemberaubenden Weg des göttlichen Wortes nicht mitgehen. Man kann bei dem bleiben, was einem Menschen leichter zu begreifen ist: dass Gott einfach nur einer ist, dass Ewiges und Zeitliches strikt getrennt sind, dass also niemand zugleich Mensch und Gott sein kann, und dass es demnach höchstens Menschen gibt, die Gott besonders nahe stehen. Die Juden haben das immer so gesehen, die Muslime auch, und die große Mehrheit der achtzig Prozent, die hierzulande an Gott glauben, sieht es wahrscheinlich genauso.

Aber: Ist denn eigentlich davon auszugehen, dass das Wesentliche an Gott leicht zu begreifen ist? Oder muss er nicht vielmehr für eins seiner Geschöpfe wie mich immer unfassbar und unbegreiflich bleiben? Ich kann doch mit meinem kleinen Hirn in meinem kurzen Leben schon von allem irdischen Wissen nur einen Bruchteil erfassen. Wie sollte ich da jemals über Gott Bescheid wissen? Je plausibler mir also der Gott ist, an den ich glaube, desto mehr stehe ich in der Gefahr, diesen Gott nach meinem Bilde geschaffen zu haben. Desto eher verehre ich nicht den wahren Gott, sondern einen selbst gemachten Götzen. Das gilt unabhängig von der Frage, welcher Religion ich angehöre. Und doch bin ich überzeugt: Das Christentum mit seinen komplizierten, unlogischen Aussagen über den dreieinigen Gott, und über Christus, der Gott und Mensch zugleich ist, erliegt dieser Gefahr weniger schnell als alle anderen Weisen, an Gott zu glauben, obwohl sie scheinbar leichter sind.

Aber kann ich das denn ernsthaft glauben, was der Hymnus beschreibt? Wie kann ich auf etwas vertrauen und etwas für wahr halten, was so verrückt und absurd klingt? Wie kann ich einstimmen in das Bekenntnis: „Wir sahen seine Herrlichkeit“? Das heißt: wie kann für mich wahr werden, dass in dem schwachen Menschen Jesus Gott selbst mitten unter uns getreten ist, dass nun, wie es in einem alten Weihnachtslied heißt, das menschliche Geschlecht bei Gott seine Stelle hat? Auch das sagt der Hymnus, soweit man es sagen kann: „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht Gottes Kinder zu werden.“ „Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ Es ist also ein Geschenk, glauben zu können, dass das Wort Fleisch wurde. Und Geschenke kann ich mir ja auch sonst nicht selber machen, sondern ich muss mich beschenken lassen. Nur annehmen muss ich es können. Aber stellen Sie sich mal vor, Sie bekommen das größte Geschenk Ihres Lebens überreicht, und das ohne alle Tricks und Hintergedanken: Würden Sie es nicht auf jeden Fall dankend nehmen und wenigstens mal versuchen, ob Sie was damit anfangen können? Wenn nicht können Sie es ja jederzeit zurückgeben. Aber ich bin überzeugt, dass Sie das gar nicht wollen werden.

Amen.

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