CHRISTVESPER AM HEILIGEN ABEND

Talkirche, 24.12. 2009
Pfr. Dr. Martin Klein
Text: Tit 2,11-14

Nein, was ist das heute Abend schön hier, in der Talkirche zu Geisweid! Die Bänke sind voll besetzt wie selten, der Weihnachtsbaum erstrahlt in voller Pracht, Orgelklang und Chorgesang sorgen für festliche Stimmung, und draußen liegt sogar Schnee! Bis kurz vor knapp ging es hektisch zu, wie alle Jahre wieder; aber nun ist sie da, die stille, heilige Nacht, und für den Moment ist alles gut – schöne heile Weihnachtswelt.

Da mag mancher im Stillen seufzen: Ach, wenn es doch immer so wäre! Wenn es doch allezeit so ruhig und friedlich bliebe! Wenn doch die Menschen auf Dauer so wären, wie sie sich heute Abend zumindest geben: so besonnen, so rechtschaffen, so fromm! Wenn sie sich doch immer so offen und freundlich begegnen würden wie beim Austausch guter Weihnachtswünsche! Wenn sie doch stets so viel Herz für die Armen und Schwachen zeigen würden wie für „Brot für die Welt“ bei der Heiligabendkollekte!

Aber nein, der Augenblick verweilt nicht, und sei er noch so schön. Übermorgen vor dreißig Jahren marschierte die sowjetische Armee in Afghanistan ein. Seitdem ist dort pausenlos Krieg, und inzwischen steckt die Bundeswehr mittendrin, wird immer mehr in die eskalierende Gewalt verstrickt und weiß noch nicht, wie sie da mit Anstand wieder raus kommt. Vor ein paar Tagen ging die Klimakonferenz in Kopenhagen zu Ende, und herausgekommen ist wieder mal nur heiße Luft – im wahrsten Sinne des Wortes. Regierungen sind eben auch nicht weniger egoistisch als die Summe ihrer Bürger: CO2-Ausstoß senken schön und gut, aber bitte nicht auf Kosten meiner Bequemlichkeit oder unserer Wirtschaftsinteressen. Und ganz abgesehen von der großen Politik: Spätestens nach Neujahr geht für uns alle der Alltag wieder los. Dann ist sich jeder wieder selbst der Nächste, dann wird wieder mit Ellbogeneinsatz um die besten Plätze gekämpft – in der Schule, an der Uni, im Beruf, dann wird wieder gemobbt, gerafft und getreten, was das Zeug hält.

Kann sich das jemals ändern? Kann unsere kaputte Welt wieder heil werden? Viele Menschen, wahrscheinlich auch viele von Ihnen, glauben nicht mehr daran. Sie denken an die zahlreichen Heilbringer, die schon an uns vorüber gezogen sind – von „Heil Caesar“ bis „Heil Hitler“, von „die Kirche kann nicht irren“ bis „die Partei hat immer recht“ – und sie wenden sich ab mit Grausen. Denn die meisten dieser Heilbringer haben das Gegenteil von dem bewirkt, was sie versprochen haben. Aber ohne eine starke Person oder Institution, der alle bedingungslos folgen, scheint es eben auch nicht zu funktionieren – siehe Kopenhagen.

Und die Weihnachtsbotschaft, wegen der wir heute hier sind? Die redet doch auch vom Heil: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ So sangen die Engel. Und der Chor hat es ihnen eben nachgesungen: „Sehet das Kindlein, uns zum Heil geboren“. Noch ein Heilbringer also. Ein kleines Kind diesmal. Was ist an dem anders? Gibt es Gründe, warum wir ihm mehr vertrauen sollten als all den Heilanden dieser Welt, den selbsternannten und den hochgejubelten? Und wie sieht das Heil aus, das er uns zu bringen verspricht?

Der für heute vorgeschlagene Predigttext gibt uns Antwort auf diese Fragen. Er ist seit alter Zeit die Epistellesung für das Weihnachtsfest. Früher wurde häufig darüber gepredigt, aber heute bekommt man ihn selten zu hören. Vielen Predigern ist er nicht anschaulich genug. Zu begriffslastig und formelhaft. Zu wenig weihnachtlich. Ich hoffe Ihnen zeigen zu können, das ihm damit Unrecht geschieht, und lese Ihnen deshalb die Verse 11 bis 14 aus dem zweiten Kapitel des Briefes an Titus, den ein Schüler des Apostels Paulus um 100 nach Christus in dessen Namen geschrieben hat:

11 Denn es ist erschienen die Gnade Gottes, Heil bringend für alle Menschen.
12 Sie erzieht uns, damit wir der Gottlosigkeit und den weltlichen Begierden absagen und besonnen, gerecht und fromm leben in der jetzigen Weltzeit
13 in der Erwartung der seligen Hoffnung und der Erscheinung des großen Gottes und unseres Heilands Jesus Christus.
14 Er hat sich für uns dahingegeben, um uns zu erlösen von aller Gesetzlosigkeit und sich ein Volk als sein Eigentum zu reinigen, das mit Eifer gute Werke tut.

Es ist also die Gnade Gottes, es ist Gott selbst, der das Heil bringt. Das ist das erste, was wir aus diesem Text festhalten sollten. Man sollte eigentlich meinen, dass das selbstverständlich ist. Denn wer etwas heil machen will, der darf nicht selbst nur ein Bestandteil dessen sein, was kaputt ist. Auch der intelligenteste Computer kann einen Hardware-Fehler bei sich vielleicht entdecken, aber nicht beheben. Und auch die beste menschliche Gesellschaft oder der weiseste aller irdischen Herrscher kann nicht gegen Grundübel an, die offenbar in der menschlichen Natur liegen. Anders ausgedrückt: Diese Welt ist nur zu retten, wenn sie einen Schöpfer hat. Und sie wird nur gerettet, wenn dieser Schöpfer selber ins Geschehen eingreift, wenn er selber in Ordnung bringt, was da von Anfang an schief gelaufen ist. Biblisch formuliert: Gott selber muss die Sünde überwinden, die Trennung aufheben, die sich zwischen ihn und uns geschoben hat, weil wir so leben, als ob es ihn nicht gibt.

Wie macht er das? Das ist die zweite Frage, auf die der Text Antwort gibt. „Die Gnade Gottes ist erschienen“, sagt er. Und da wird es nun richtig weihnachtlich. Denn erschienen ist sie in Gestalt eines kleinen Säuglings, der in Windeln in einem Futtertrog liegt. Erschienen ist sie dadurch, dass Gott selber Mensch wurde, dadurch, dass Gott in Jesus all das durchlebt und durchlitten hat, was jeder von uns erlebt und erleidet: Er ist gewickelt und gefüttert worden, er hat Laufen und Sprechen gelernt, Unterricht bekommen und einen Beruf ergriffen; er hat fröhliche Feste gefeiert, aber er hat auch erfahren, was Hunger und Trauer ist. Und schließlich musste er leiden und sterben – einen frühen und schlimmen Tod, aber nicht früher und schlimmer als viele andere Menschen auch.

Mit dieser Botschaft liegt die Bibel quer zu allen Vorstellungen, die man sich landläufig vom Erscheinen einer Gottheit macht. Wenn ein römischer Kaiser sich in all seiner Pracht dem Volk zeigte, dann jubelten die Leute: „Unser Herr und Gott ist uns erschienen!“ Aber sie hätten doch nicht diesem Kind einfacher Leute zugejubelt, das irgendwo im hintersten Winkel zwischen Heu und Schafsmist zur Welt kam! Und sie hätten es erst recht nicht bei dieser Elendsgestalt getan, die wie ein Verbrecher am Kreuz hing! Aber genau so wollte Gott es haben. So und nicht anders ist die Gnade Gottes allen Menschen erschienen. „Er hat sich für uns dahingegeben“, sagt der Titusbrief. Er hat auf all seine göttliche Macht verzichtet und sich ohnmächtig in die Hände der Menschen begeben. Und genau dadurch bringt er uns das Heil.

Noch ist das eine wunderliche Wahrheit. Noch ist sie nur dem zugänglich, der sich auf sie einlässt, der ihr Glauben schenkt. Und wenn das geschieht, ist es Gottes Gnade und nicht eine Sache menschlicher Entscheidung. Aber eines Tages wird diese Wahrheit aller Welt offenbar werden. Es wird noch eine „Erscheinung des großen Gottes und unseres Heilands Jesus Christus“ geben, sagt der Titusbrief. An der wird niemand mehr zweifeln können, und niemand wird darüber die Nase rümpfen. Aber sie wird trotzdem nur für alle ans Licht bringen, was bei der ersten Erscheinung längst geschehen ist – zu Weihnachten in Bethlehem und zu Ostern in Jerusalem.

Und bis dahin? Das sagt uns der Text als drittes und letztes: Die Gnade Gottes erscheint nicht nur allen Menschen, sondern sie „erzieht“ uns auch, sie hat – modern formuliert – einen Bildungsauftrag. Davon ist ja viel die Rede heutzutage. Überall heißt es: „Bildung ist ja so was von wichtig – da müssen wir dringend mehr für tun!“ Aber was Bildung eigentlich ist, das geht in den Diskussionen um Schul- und Studienreformen meistens unter. Den alten Griechen jedenfalls ging es dabei um mehr als um möglichst effektive Wissensvermittlung. Ihre Erziehung hatte höhere Ziele: Besonnenheit, Gerechtigkeit, Frömmigkeit und Tapferkeit, das waren ihre Kardinaltugenden. Und genau diesen Zielen gilt nach dem Titusbrief auch der Bildungsauftrag der Gnade Gottes: der Gottlosigkeit und den weltlichen Begierden absagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben. Nur die Tapferkeit fehlt hier – die klang den ersten Christen zu sehr nach militärischem Heldentum.

Und sind das nicht genau die Dinge, die wir auch heute dringend brauchen? Wie sollen wir denn jemals lernen, nicht auf Kosten der Umwelt und der künftigen Generationen zu leben, wenn nicht durch Besonnenheit – durch vorausschauendes Handeln, zu dem auch Mäßigung und Bereitschaft zum Verzicht gehören? Wie sollen jemals alle Menschen dieser Erde das kriegen, was sie zum Leben brauchen, wie sollen sie in Frieden miteinander auskommen, wenn nicht durch Gerechtigkeit – durch die gleichmäßige Verteilung von Gütern und Chancen? Und woher soll die Motivation zu einem besonnenen und gerechten Leben kommen, wenn nicht aus einer recht verstandenen Frömmigkeit – aus dem Bewusstsein, einer höheren Macht verantwortlich zu sein, der wir unser Leben verdanken? Wohl gemerkt: Frömmigkeit in diesem Sinne ist nicht dasselbe wie christlicher Glaube. Es gibt sie auch in anderen Religionen und Weltanschauungen. Aber wenn die Gnade Gottes uns zu dieser Frömmigkeit erzieht, dann gehört sie zum christlichen Glauben dazu und steht uns Christen damit wohl an. Und sie bietet auch eine Basis, auf der wir gemeinsam mit Andersgläubigen an einer besseren Zukunft dieser Welt arbeiten können.

Wie es gute Erzieher tun, ist Gott uns bei alledem mit gutem Beispiel vorangegangen. Er war zum größtmöglichen Verzicht bereit, um das kleine, machtlose Jesuskind zu werden. Es war Ausdruck seiner ganz besonderen Gerechtigkeit, dass er einer von uns wurde, damit wir ihm recht sein können. Und der Mensch Jesus hat so selbstverständlich im Einklang mit Gott gelebt, dass er damit alle Grenzen von Herkommen und Religion überwand. Die heidnischen Sterndeuter, die von weither kommen, um ihm zu huldigen, sind die ersten, die das deutlich machen.

Wenn ich mir also etwas wünschen dürfte zu diesem Weihnachtsfest, dann wäre es knapp gesagt folgendes: Gott möge mit seiner Gnade dafür sorgen, dass wir es machen wie er und Mensch werden. Er möge dafür sorgen, dass wir uns auf die wunderliche Wahrheit der Weihnacht einlassen. Und dann möge er unsere Erziehung und Bildung in die Hand nehmen, damit wir besonnene, gerechte und gottesfürchtige Menschen werden. Nicht nur für ein paar Stunden am Heiligen Abend, wo es uns die äußeren Umstände leicht machen. Sondern gerade da, wo es schwierig wird: Wo man uns ausreden will, dass Gott diese Welt geschaffen und ihr einen Sinn gegeben hat. Wo es ungerecht zugeht, oft auch noch unter Berufung auf höhere Zwänge (die Haushaltslage, die Unternehmensbilanz, die Globalisierung usw.). Wo wir unbesonnen und kurzsichtig nur auf unseren eigenen Vorteil sehen, ohne an andere und an später zu denken. Da überall muss es sich bewähren, ob Weihnachten wieder spurlos an uns vorüber gegangen ist oder diesmal wirklich bei uns angekommen ist.

Und wenn es gelingt, dann könnten wir uns beim nächsten Weihnachtsfest nicht nur an die alte Geschichte erinnern, wie Gott Mensch geworden ist. Sondern dann könnten wir uns gegenseitig neue Geschichten erzählen – vielleicht im Familienkreis vor oder nach der Bescherung: Geschichten davon, wie und wo wir im vergangenen Jahr Menschen geworden sind – Menschen, wie Gott sie mit seiner Menschwerdung gemeint hat. Das wäre auf jeden Fall anregender als Fernsehen und gesünder als Gänsebraten und könnte ein richtig guter neuer Weihnachtsbrauch werden. Denken Sie mal drüber nach!

Amen.


>>> zurück

Ev.-Ref. Kirchengemeinde Klafeld

 

www.kirche-klafeld.de

 

Pfarrämter

Dr. Martin Klein, Ziegeleistr. 21, 57078 Siegen, Tel.: 0271/81251

Almuth Schwichow, Bornstr. 41, 57078 Siegen, Tel.: 0271/81325

Frank Boes, Johann-Hus-Str. 8, 57078 Siegen, Tel.: 0271/83589

 

Jugendreferentin

Chiara Krüger

E-Mail: chiara.krueger@kirche-klafeld.de, Tel.: 0157 30743674

 

Dorines Catharina Hermeling

E-Mail: dorines.hermeling@kirche-klafeld.de, Tel.:  0160 1125375  

 

Gemeindeamt

Koomansstr. 8, 57078 Siegen, Tel.: 0271/83554





Diese Webseite nutzt Cookies − auch von Drittanbietern − zur Bereitstellung, Nutzung und Optimierung unserer Dienste. Essentielle Cookies, die technisch notwendig sind, um die Kernfunktionalität der Webseite zu aktivieren und die Webseite zu betreiben, dürfen wir ohne Ihre Einwilligung verwenden. Für den Einsatz aller anderen Cookies bitten wir Sie hiermit um Ihre Einwilligung. Informationen zu den eingesetzten Cookies finden Sie hier unter "mehr". Sie können Ihre Einwilligung jederzeit mit Wirkung für die Zukunft widerrufen oder ändern, indem Sie diese Cookie-Einstellungen erneut über unsere Webseite aufrufen. Verweigern             Akzeptieren