GOTTESDIENST FÜR DEN REFORMATIONSTAG

Geisweid, Talkirche, 31.10. 2007

Neulich fiel mir ein interessanter Handzettel in die Finger: Da wirft ein von Anti-Nazi-Aktionen bekanntes Strichmännchen statt eines Hakenkreuzes einen grinsenden Kürbis in den Papierkorb, und eine Initiative namens „Rock against Halloween“ macht damit Werbung für Live-Konzerte am Reformationstag. Aha, dachte ich mir, hier im Siegerland gibt es also doch noch ein paar tapfere „gallische Dörfer“, die dem Eindringling Widerstand leisten. Allein – ich fürchte, sie kämpfen auf verlorenem Posten: Am 31. Oktober ist ganz Deutschland längst von Kürbissen und Grusel-Partys besetzt. Kinder-Horden ziehen von Haus zu Haus, fordern „Süßes oder Saures“ und denken vermutlich, das sei immer so gewesen. Und bei Kirchens macht man gute Miene zum bösen Spiel und kramt in der Historie nach angeblichen christlichen Wurzeln dieses reinen Jux- und Kommerzphänomens.

Damit hat den Reformationstag das Schicksal ereilt, das schon manch anderem christlichen Feiertag zuteil geworden ist, mit dem unsere ehemals christliche Gesellschaft nichts mehr anfangen konnte: Aus Christi Himmelfahrt wurde der Vatertag, aus der adventlichen Buß- und Fastenzeit wurde ein nach vorne verlängertes Weihnachtsfest, und was der Buß- und Bettag  soll, ist dem öffentlichen Gedächtnis so sehr entfallen, dass man ihn staatlicherseits sang- und klanglos abschaffen konnte. Nun hat sich also der Gedenktag der Reformation gemeinsam mit dem katholischen Allerheiligenfest in ein weiteres Highlight der Spaßgesellschaft verwandelt.

Das kommt natürlich nicht von ungefähr. 490 Jahre nach den 95 Thesen scheint der Anlass der Reformation in der Tat keine Bedeutung mehr zu haben. Wer fragt schon noch wie Luther nach einem „gnädigen Gott“? Ist Gott denn nicht der „liebe Gott“? Ist Vergeben denn nicht sein Job? Wer hat schon noch Angst vor Teufel, Hölle und Fegefeuer? Ein paar Gruseleffekte im Kino oder eben bei der Halloween-Party sind doch alles, was von der mittelalterlichen Dämonenwelt noch übrig ist. Wer fühlt sich schon noch unterdrückt von einer mächtigen kirchlichen Obrigkeit? Verbal auf katholische Bischöfe einzuhauen, ist doch heutzutage ein billiges Vergnügen und erfordert keinerlei Mut mehr. Andererseits wird nicht mal in Augsburg der Stimmenanteil der Grünen sinken, nur weil Herr Mixa sagt, dass sie „für Christen nicht wählbar“ sind.

Die Evangelischen kommen bei diesen Wortfechtereien gar nicht erst vor, und das ist bezeichnend. Denn darin sind sich ja die Hardliner auf beiden Seiten stillschweigend einig: „die Kirche“, das ist die römisch-katholische. Die Evangelen sind den einen viel zu wenig geistlich durchstrukturiert, um wirklich Kirche zu sein, und den anderen einfach zu diffus und zu harmlos, um sich groß über sie aufzuregen. Zwar hat man in den Kirchenämtern das Problem erkannt und bemüht sich nach Kräften, das „protestantische Profil“ zu schärfen: „Evangelisch aus gutem Grund“ hieß es mal vor ein paar Jahren, „Kirche der Freiheit“ heißt das jüngste EKD-Papier, und Bischof Huber schafft es sogar, gelegentlich anzuecken – besonders, wenn er sich über das Verhältnis von Christen und Muslimen äußert. Trotzdem: Wenn’s um öffentliche Aufmerksamkeit geht, ziehen die evangelischen Kirchen regelmäßig den Kürzeren.

Allerdings müsste das gar kein Schade sein. Denn es zeichnet die evangelische Kirche ja gerade aus, dass es in ihr um jeden einzelnen Menschen geht und nicht um die großen Massen und ihre Anführer, die Kameras und Mikrofone anziehen. Wenn also nur jeder einzelne evangelische Christenmensch überzeugend zu sagen wüsste, was „evangelisch“ heißt und warum er oder sie evangelisch ist, käme es auf Imagepflege und Medienpräsenz gar nicht an. Auch für das öku¬menische Miteinander wäre es durchaus hilfreich, wenn wir unseren katholischen und sonstwie anders christlichen Geschwistern erklären könnten, wofür wir Evangelische eigentlich stehen. Aber Hand aufs Herz: Wenn ich unter Ihnen eine Umfrage machen würde, warum Sie evangelisch sind – würde Ihnen dann etwas einfallen außer der Tatsache, dass Sie nun mal in ein evangelisches Elternhaus hineingeboren wurden und deshalb irgendwie dran gewöhnt sind, evangelisch zu sein? Weil es allerdings ziemlich unfair wäre, wenn ich Sie einfach so mit dieser Frage überfallen würde, habe ich es anders gemacht und mich selber gefragt: Warum bist du, Martin Klein, eigentlich evangelisch – als Mensch, als Pastor, als Theologe? Und kannst du diese Frage so beantworten, dass andere es verstehen und für sich persönlich auch eine Antwort finden können? Darüber habe ich noch mal gründlich nachgedacht, und folgendes ist dabei herausgekommen:

Erstens bin ich evangelisch, weil ich an die bedingungs- und grenzenlose Liebe Gottes glaube. „Ein glühender Backofen voller Liebe“ ist Gott, hat Martin Luther gesagt und damit eins seiner vielen treffenden Bilder gefunden. Dieser glühende Backofen steht nicht in einem verschlossenen Raum, zu dem nur eine bestimmte Sorte Menschen einen Schlüssel hat, sondern wie die Sonne wärmt er die ganze Welt. Es wäre also Unsinn zu sagen: Diese Wärme gilt mir und nicht dir; ich habe sie verdient, aber nicht du. Es wäre auch Unsinn, einen schon glühenden Backofen erst noch anheizen zu wollen. Es wäre allerdings auch unklug, den Respekt vor diesem Backofen zu verlieren und ihm zu nahe zu treten – dann könnte man sich ganz schön daran verbrennen!

Zweitens bin ich evangelisch, weil ich glaube, dass ich diese bedingungslose Liebe Gottes bitter nötig habe. Denn ich bin von mir aus nicht so, wie ich gern wäre und wie Gott mich gern hätte. Ich habe es auch nicht selbst in der Hand, so zu werden. Ich lebe in einer Welt, die in Schuld verstrickt ist, und deshalb kann ich gar nicht anders, als selber immer wieder schuldig zu werden, wie anständig ich auch leben mag. Mein Leben ist endlich und wird deshalb immer ein Fragment bleiben, auch wenn ich noch so viele Ziele erreiche. Es bleibt dem Tod unterworfen, auch wenn ich hundert Jahre alt werde. Und weil das so ist, kann nur Gott bewirken, dass ich mit ihm, mit mir selbst und mit meinen Mitmenschen im Reinen bin. Denn er spricht mir zu: „Du bist mir recht, so wie du bist, weil ich dich lieb habe.“

Drittens bin ich evangelisch, weil Gottes Liebe bewirkt, dass vor ihm alle Menschen gleich sind, und weil das in den evangelischen Kirchen immer noch deutlicher wird als in allen anderen. Denn für mich als evangelischen Christen sind alle Christenmenschen nichts anderes als durch Christus begnadigte Sünder. Wir alle haben den gleichen unmittelbaren Zugang zu Gott, weil Gott selbst in Jesus Christus eine menschliche Seite hat. Von daher ist es für mich undenkbar, dass irgendein Christenmensch einen geistlichen Vorsprung vor anderen haben könnte oder gar als Mittler zwischen Gott und Mensch fungieren könnte. Ich habe große Hochachtung vor der Jungfrau Maria und vor den meisten Heiligen der katholischen Kirche. Aber mein Fürsprecher im Himmel ist Jesus Christus und sonst keiner. Ich habe auch großen Respekt vor vielen Mitgliedern des katholischen Klerus – vom Papst bis zum einfachen Priester. Aber ich kann nicht akzeptieren, dass sie geistlich auf einer höheren Stufe stehen sollen als die so genannten Laien. Denn – so Martin Luther - : „Was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei.“ Es ist für mich ein bleibendes Verdienst der Siegerländer Gemeinschaftsbewegung, dass sie diesen Gedanken Luthers mit neuem Leben erfüllt hat. Ich ziehe den Hut vor meinen Vorfahren, die als einfache Bauern und Handwerker dieses „allgemeine Priestertum der Gläubigen“ gelebt und verkörpert haben. Und ihrem Erbe fühle ich mich verpflichtet, auch wenn ich in manchen Glaubensdingen anders denke, als sie gedacht haben. Deshalb sage ich es noch mal in aller Deutlichkeit: Ich bin als evangelischer Pfarrer kein Geistlicher. Jedenfalls bin ich es nicht deshalb, weil ich Pfarrer bin. Ich nehme nur bestimmte geistliche Aufgaben wie Predigt, Unterricht und Seelsorge in der Öffentlichkeit wahr, weil Sie, die wahre evangelische Geistlichkeit, mich mit dieser Aufgabe betraut haben. Deshalb halte ich auch keinen Gottesdienst, sondern wir feiern ihn gemeinsam. Ich vertrete beim Abendmahl nicht den Gastgeber, sondern bin mit Ihnen gemeinsam Gast am Tisch des Herrn – mit der besonderen Verantwortung, dass es dabei mit rechten Dingen zugeht. Und was Glaubens- und Lebensfragen angeht, habe ich Ihnen nichts vorzuschreiben, sondern kann Sie höchstens auf Gottes Wort und Gebot hinweisen, so wie ich es verstehe. Beurteilen müssen Sie das, was ich sage, selber - und Sie können es auch, weil Gottes Geist Sie dazu anleitet. Anders möchte ich es gar nicht haben, und deshalb bin ich froh, dass ich evangelisch bin.

Viertens schließlich bin ich evangelisch, weil mir das eben Gesagte viel Freiheit gibt, mein Glaubensleben in der Verantwortung vor Gott selbst zu gestalten. Deshalb empfinde ich auch die große Vielfalt der Frömmigkeits- und Lebensstile in der evangelischen Kirche nicht als Mangel, sondern als Bereicherung. Natürlich sorgt diese Vielfalt auch für viel Streit. Natürlich verhindert sie oft, dass die evangelische Kirche in der Öffentlichkeit mit klarer Stimme sprechen kann. Natürlich macht das Mit-, Neben- und manchmal Gegeneinander von Kirchen, Verbänden, Vereinen und Gemeinschaften die evangelische Kirche unüberschaubar und unberechenbar – schon hier im kleinen Klafeld-Geisweid, erst recht im großen Deutschland-Maßstab. Aber was wäre die Alternative? Eine straff organisierte Kirche, die nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam funktioniert oder zumindest so tut als ob? Nein danke! Ein Rückzug auf kleine Zirkel von Gleichgesinnten, die in großer Geschlossenheit nur noch um sich selber kreisen und mit Andersdenkenden nicht mehr wirklich reden können? Ebenfalls danke! Eine Kirche, die sich irgendwo auf der grünen Wiese neu erfindet, ihr Sendungsbewusstsein professionell und aggressiv vermarktet und damit anderen die Schäfchen klaut? Auch das nicht! Nein, da halte ich doch lieber unsere evangelische Freiheit aus, auch wenn sie mir selber oft zu schwammig und unverbindlich ist. Und im Übrigen will ich es mit Martin Luther halten. Er folgte in Glaubensdingen nur seinem Gewissen, das an der heiligen Schrift geschult war, und ließ sich von niemandem den Mund verbieten. Gott sei Dank, dass er das getan hat und dass wir uns auch 490 Jahre später noch dankbar daran erinnern können.

Übrigens: Wenn Sie dem Trend nicht widerstehen konnten und zu Hause irgendwo einen grinsenden Kürbis stehen haben, dann werfen Sie ihn jetzt nicht gleich weg! Stellen Sie sich lieber vor, wenn Sie ihn anschauen, dass er gerade „Nun freut euch, lieben Christengmein“ singt. Dann kriegt Halloween vielleicht doch noch einen guten christlichen Sinn.

Amen.


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E-Mail: dorines.hermeling@kirche-klafeld.de, Tel.:  0160 1125375  

 

Gemeindeamt

Koomansstr. 8, 57078 Siegen, Tel.: 0271/83554





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