GOTTESDIENST
FÜR DEN VORLETZTEN SONNTAG DES KIRCHENJAHRS

Talkirche, 18.11. 2007
Pfr. Dr. Martin Klein

Text: Jer 8,4-7

Es gibt einen schönen alten Zeichentrickfilm nach einem Drehbuch von Erich Kästner mit dem Titel „Die Konferenz der Tiere“. Darin wollen die Tiere ihren Freunden, den Kindern, helfen und auf Erden endlich für Frieden sorgen. Die – erwachsenen – Menschen bringen nichts zustande trotz endloser Friedensverhandlungen, also nehmen die Tiere die Dinge selber in die Hand. Sie berufen eine große Konferenz ein, und im Gegensatz zu den Menschen reden sie nicht bloß, sondern handeln auch: die Mäuse zerknabbern Berge von überflüssigen Akten, die Motten lösen die Armeen auf, indem sie einfach alle Uniformen auffressen, und schließlich entführen die Tiere sämtliche Kinder, um auch die Generäle endlich zum Einlenken zu bringen. Nach langen Verhandlungen unterzeichnen die menschlichen Unter¬händler schließlich einen allgemeinen Friedensvertrag – weniger aus Einsicht, sondern damit die Mäuse endlich aufhören, sie pausenlos durchzukitzeln. So retten die Tiere die Welt für die Kinder und zwingen so die Menschen erst zu der Vernunft, die sie angeblich über die Tierwelt hinaushebt.

Das ist nur ein Beispiel für das beliebte Thema „Tiere sind die besse¬ren Menschen“. Es ließe sich beliebig vermehren. Und es ist ja auch etwas dran: Gäbe es auf Erden nur Tiere und Pflanzen, würden die Polkappen nicht schmelzen und die Regenwälder nicht abgeholzt. Luft und Wasser wären sauber, nichts würde asphaltiert und zubetoniert und all die vielen Tier- und Pflanzenarten behielten ihren Platz statt eine nach der anderen ausgerottet zu werden. Ja, es ist so: Ohne Menschen wäre die Erde für alle anderen Lebewesen ein besserer Ort. Sie mögen sich zwar selber für die „Krone der Schöpfung“ halten, benehmen sich aber eher wie ein Betriebsunfall der Evolution, der erst behoben ist, wenn die Menschheit sich selber abgeschafft hat.

Immerhin: Menschen sind wenigstens in der Lage, diese Dinge ein¬zusehen – obwohl sich dadurch noch nicht viel ändert. Und das ist auch nicht erst seit gestern der Fall, sondern geschah schon zu bibli¬schen Zeiten. Der heutige Predigttext aus dem Propheten Jeremia ist ein Beispiel dafür:

    So spricht der HERR:
    Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde?
    Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?
    Warum will denn dies Volk abtrünnig sein,
    Jerusalem irregehen für und für?
    Sie halten sich an Trug fest,
    sie wollen nicht umkehren.
    Ich sehe und höre hin:
    es ist nicht so, wie sie sagen.
    Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre,
    dass er spräche: Was hab ich doch getan!
    Sie alle gehen irre in ihrem Lauf
    wie ein Pferd, das in der Schlacht dahinstürmt.
    Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit,
    Turteltaube, Mauersegler und Schwalbe halten die Zeit ein,
    in der sie wiederkommen sollen;
    aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.

 

Auch hier sind Tiere die besseren Menschen: Sie tun ganz von selbst das, was an der Zeit ist. Wenn der Sommer naht, dann macht sich die Schwalbe auf den Weg nach Norden, um dort zu brüten und Junge groß zu ziehen; und wenn der Herbst kommt fliegt sie zurück in den warmen Süden. Sie braucht keine Uhr dafür und keinen Kompass, und sie muss auch keinen „inneren Schweinehund“ überwinden, um sich auf die lange, beschwerliche Reise zu machen. Sie lebt einfach so, wie es ihre Natur ist – theologisch gesprochen: wie es der Schöpfer für sie vorgesehen hat.

Ganz anders der Mensch: Entweder versteht er die Zeichen der Zeit nicht oder er verschließt die Augen vor ihnen. Für den Propheten, für Gott, der durch ihn spricht, ist das unbegreiflich: Wie kann man denn nur hinfallen und nicht wieder aufstehen wollen? Wie kann man sich nur verlaufen und es für völlig egal halten, ob man den richtigen Weg wieder findet? Wie kann man nur selbstsüchtig in den Tag hinein leben und sich vormachen, dass man keinerlei Verantwortung trägt und niemandem Rechenschaft schuldig ist? Umkehr wäre angesagt, und das sofort, und eigentlich weiß das auch jeder. Es ist ja bei weitem nicht das erste Mal, dass der Prophet dazu aufruft. Aber keiner tut’s. Weil man meint, man habe es nicht nötig. Oder man habe noch Zeit damit. Oder man könne doch allein gar nichts machen. Oder man habe doch Gott auf seiner Seite, was auch immer geschehe.

„Trug“ nennt der Prophet das schlicht und kurz. Lüge. Einbildung. Verdrehte Wahrheit. Falsche Sicherheit. Wenn das Volk von Jerusalem nicht umkehrt, wenn es nicht endlich das Recht des Herrn beachtet, sich nicht um die Bedürftigen kümmert statt Machtspielchen zu treiben und verlogene Gottesdienste zu feiern, dann wird es untergehen. Wenn die Lobgesänge im Tempel ohne Konsequenzen für das Handeln im Alltag bleiben, dann wird er mit all seiner Pracht in Flammen aufgehen. Wenn in der Stadt nicht endlich gleiches Recht für alle Glieder des Volkes Gottes gilt, dann wird sie dem Erdboden gleichgemacht werden. Wenn die Menschen sich nicht endlich auf Gottes Gebote besinnen, dann werden sie sterben oder in alle Winde zerstreut.

Damals ging es nur um ein kleines Volk in einem kleinen Land am Rande des babylonischen Weltreichs. Als es kam, wie es kommen musste, und Jerusalem zerstört wurde, notierte König Nebukadnezar die Eroberung einer weiteren Provinz knapp in seinen Annalen und ging dann zur Tagesordnung über. Heute geht es um viel mehr: Wenn wir den Ausstoß von Treibhausgasen nicht sehr bald und sehr drastisch reduzieren, dann ist die Klimakatastrophe nicht mehr aufzuhalten. Wenn wir die Schere zwischen Reich und Arm auf Erden immer weiter auseinander gehen lassen, dann werden sich die Armen irgendwann, wahrscheinlich bald, das holen, was wir Reichen ihnen nicht geben wollen – zum Schaden aller. Und wenn Konfliktherde wie der Nahe und Mittlere Osten nicht bald befriedet werden, dann fliegen uns womöglich demnächst Atombomben um die Ohren. Das alles wissen wir. Auch wir haben unsere „Propheten“, die uns das wieder und wieder ins Gedächtnis bringen – ob sie das nun im Namen Gottes tun oder nicht.

Aber auch bei uns geschieht wieder das, was eigentlich unbegreiflich ist: Wir tun nicht, was an der Zeit ist, sondern machen weiter wie bisher. Wir geben Gas, wir fliegen in Urlaub, wir heizen zum Fenster raus, wir konsumieren fröhlich, wir spenden ein bisschen per Dauerauftrag und denken ansonsten möglichst wenig an das Elend der Welt, weil uns das ja doch bloß deprimieren würde. Kein Wunder, dass die Verantwortlichen in Staat und Wirtschaft auch nicht mehr zustande bekommen. Denn wir haben schließlich immer nur die Bosse und die Politiker, die wir verdienen.

War’s das? Werden dereinst die Reste der Menschheit Al Gores „Unbequeme Wahrheit“ studieren wie der Rest von Juda den Propheten Jeremia und sagen: „Der Mann hatte ja so recht! Warum hat bloß keiner auf ihn gehört?“ Oder ist Umkehr doch möglich?

Ich denke, ja. Und ich denke, dass wir dabei durchaus etwas von den Tieren lernen können. Denn die mögen keine Vernunft und keinen freien Willen haben (obwohl: warum sind wir uns da eigentlich so sicher?), aber sie haben uns voraus, dass sie im Einklang mit sich und der Welt leben – oder sagen wir’s ruhig noch mal theologisch: im Einklang mit ihrem Schöpfer. Dieser Einklang ist uns Menschen verloren gegangen. Wir leben, als ob es Gott nicht gäbe. Und deshalb können wir auch gegen die Natur, auch gegen unsere eigene. Wir meinen, dass wir darüber stehen, dass wir selber die höchste Instanz auf Erden sind. Dass es so ist, nennt die Bibel Sünde. Und dass es so gekommen ist, liegt so tief in den Anfängen der Menschheit verbor¬gen, dass auch die Bibel nur in Form von Ur-Geschichten darüber berichten kann. Adam und Eva, das sind wir alle, und wir sind es immer schon gewesen.

Aber Gott wollte es nicht so haben. Er hat uns für etwas anderes geschaffen. Wir sollten in seiner Schöpfung sein Gegenüber sein: das Wesen, das ihm die Ehre gibt stellvertretend für alle seine Geschöpfe; das Wesen, das ihm Antwort gibt, wenn er es ruft, das ihm verantwortlich ist für alles, was er ihm anvertraut hat. Warum das nicht funktioniert hat? Darauf kann und will uns die Bibel keine Antwort geben. Auch die Schlange im Paradies ist keine. Dafür sagt uns die Bibel etwas anderes: Gott ist selber der Mensch geworden, der im Einklang mit ihm lebt. Der Gottes Liebe in Wort und Tat zu den Menschen und zur ganzen Schöpfung bringt. Der ihn seinen „Vater im Himmel“ nennt und noch im Sterben seinen Geist in die Hände dieses Vaters befiehlt. Jesus ist der Mensch, wie Gott ihn gewollt hat. Er ist der wahre Mensch, weil er zugleich wahrer Gott ist. Das ist keine theologische Spitzfindigkeit vergangener Zeiten, auch wenn das heute sogar viele Theologen sagen. Sondern es ist der einzige Grund, warum Umkehr möglich ist: Wir können zurück zu Gott, weil er in Jesus zu uns gekommen ist. Wir können endlich aufhören, wie Gott sein zu wollen, weil er wie wir geworden ist. Wir müssen uns nicht zu Herren über die Schöpfung aufschwingen, weil ihr wahrer Herr sich zu unserem Diener gemacht hat. Und so können wir wieder den Platz einnehmen, der uns zugedacht war: Treuhänder Gottes zu sein, die seine Erde bebauen und bewahren, die menschlich mit ihresgleichen und mit allen ihren Mitgeschöpfen umgehen.

Damit müsste eigentlich alles klar sein. Denn unsere Hauptausrede, wenn wir etwas nicht tun, ist ja immer, dass wir es nicht können oder uns nicht zutrauen. Aber diese Ausrede zählt nicht. „Ihr könnt es“, sagt Gott, „weil ich dafür sorge, weil ich es euch zutraue.“ Also: Wer fällt, der kann wieder aufstehen, weil Gott ihm die Hand reicht. Wer in die Irre geht, der kann umkehren, weil Gott ihm den Weg zeigt. Wenn wir am Rand eines Abgrunds stehen, dann zwingt uns nichts, uns hineinzustürzen, weil Gott für uns Brücken schlägt. Wir müssen es ihm nur zutrauen – und uns dann auch.

Amen.

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